Der Goldschmied des Zaren

In früheren Zeiten herrschte in Russland eine Zarenfamilie aus dem Geschlecht der

Romanows. Die Geschichte der Familie spiegelt sich in den farbenprächtigen

Fabergé-Eiern wider, die aus Gold und guillochierter Emaille waren und ein jedes

enthielt ein kleines Wunder. Die Geschichte des Rosenknospen-Eis möchte ich hier

erzählen, denn nicht nur sein Inneres, sondern auch seine Entstehung beruhte auf

einer ganz und gar wundersamen Begebenheit.

Den Auftrag für das Ei überbrachte ein berittener Bote. Seine Zobelfellmütze war tief

ins Gesicht gezogen und die Morgensonne spiegelte sich im Morgenreif seines

Bartes. Fjodor Ilisowicz war ein Künstler und als solcher beliebte er es, bis in die

Mittagszeit zu schlafen. Daher war er ob der morgendlichen Störung äußerst

verstimmt. Er stand in seinem langen Morgenmantel mit den kleinen

Spitzenstößchen, die seine Frau liebevoll gefertigt hatte, in der Tür und starrte den

Boten an. Solch einen Besucher hatte er wahrlich nicht erwartet und die Angst

schlich in sein Herz. Der Bote war einer der Kosaken des Zaren und der Anblick des

Kriegers vor seiner Tür ließ den müden Künstler schneller wach werden als ihm

beliebte. Doch dieser drückte ihm nur mürrisch einen Umschlag in die Hand und

sprang auf das noch dampfende Pferd, bevor Fjodor Ilisowicz sein Herz und seinen

Verstand wiederfand.

Die Botschaft kam vom Goldschmied des Zaren, dem Peterle, den Fjodor aus

Studentenzeiten kannte. Damals hatten beide gerne an der Newa getrunken und sich

gegenseitig dabei übertroffen, die Damen, die am Fluss spazierten, nackt zu malen.

Diese frivolen Bildchen offenbarten schon früh das Talent von Fjodor, der

detailversessen an einer Schulter oder einer Brustwarze arbeiten konnte. Er schuf

bei diesen Gelagen nur mittels seiner Fantasie Kunstwerke, die reißende Abnehmer

fanden. Bei einem dieser Treffen spazierte eine Frau über die Newa, deren Gang ein

Zeichen und deren Duft, der zu ihnen herübergetragen wurde, eine Verheißung war.

Fjodor Ilisowics wurde davon stocknüchtern, verlor sein Herz und fortan die Lust am

frivolen Nebenerwerb. Was blieb war eine Ehefrau und die Freundschaft zu Peter

Carl Fabergé, der zum Juwelier des Zaren aufstieg.

Peterle, wie Fjodor und seine Familie ihn liebevoll nannten, war ein Handwerker und

sicherlich auch künstlerisch begabt, jedoch fehlte ihm die Fantasie und Finesse

seines Freundes. Daher arbeitete Fjodor im Hintergrund an Entwürfen für die

erlesensten Goldschmiedearbeiten von Fabergé. Doch bislang erhielt er diese

Aufträge diskret: In das Leinentuch eines Brotes eingewebt, auf der Hinterseite eines

hässlichen Gemäldes (ein kleiner Scherz seines Freundes) oder in ein Halstüchlein

seines Hundes gestickt. Es war ein Spaß, daher versetzte der grimmige Kosake

Fjodor auch so in Angst und Schrecken. Doch die Botschaft war klar und eindeutig.

Fjodor sollte ein Ei zeichnen, das im Auftrag von Zar Nikolaus II. für seine frisch

angetraute Ehefrau Alexandra Fjodorowna sein sollte. Vergissmeinnicht waren ihre

Lieblingsblumen und diese sollten auch das Motiv vorgeben.Doch so sehr sich Fjodor

Ilisovicz bemühte, ihm wollte kein zartes Blütenblatt des Vergissmeinnichts gelingen.

Alle Entwürfe landeten im Kamin und seine Frau bat, dass er doch sorgsamer mit

den teuren Farben und Papieren umgehen solle.

Doch es half nichts. Des Nachts träumte er in Purpurfarben und am Morgen roch es

nach Rosen im Haus, sodass seine Frau in Tränen ausbrach. Grimmig setzte er sich

an die Arbeit. Eine Pfeife wurde gestopft und der Wodka eingeschenkt, die

Gänsefeder zurechtgeschnitten und … eine Knospe von erlesener Schönheit

entstand. Tiefe Zufriedenheit durchströmte den Künstler bei ihrem Anblick. Kühn

fertigte er die Zeichnung für ein Ei an, dessen Farbe – wie hatte er je eine andere

dafür auswählen können – rot war. An der Spitze des Eis malte er ein Portrait von

Nikolaus II. Er hatte den jungen Prinzen schon immer gemalt, daher glitt seine Feder

wie von selbst über das Papier. Sie wird ihn sehen wollen, murmelte er dabei und

dachte an die schöne Prinzessin aus dem fernen Preußen. Er erinnerte sich noch

genau an das Jahr, als seine Frau über die Newa schritt und sein Herz gewann,

daher malte er die Jahreszahl an den Fuß des Eis. Im Inneren solle sich eine

Rosenknospe befinden, als Zeichen für die aufkommende Liebe des jungen

Ehepaars. Unschuldig und schön sollte sie sein. Er holte seine Farben. Rot, nein,

diesmal sollte sie gelb sein, wie der Sommer, luftig und hell. Er bekam ganz rote

Wangen beim Zeichnen und als seine Frau zum Abendessen rief, antwortete er nicht.

Sie trat leise hinter ihn und ihre noch immer schönen ausdrucksvollen Augen wurden

groß. „Das ist die Rose, die du mir damals geschenkt hast. Erinnerst du dich?

Damals, als du in deinem Studentenkittel mir bis nach Hause gefolgt bist. Vater

schrie und tobte, als er dich sah. Du aber hast mir diese Rosenknospe in die Hände

gelegt und mich angelächelt.“ Sie legte ihr Kinn auf seine Schulter und umarmte

ihren Mann. Plötzlich lachte sie auf. „Bitte leg noch eine kaiserliche Krone und einen

Rubinanhänger hinein, damit es ihre Rose wird und nicht die meine ist.“ Er tat wie sie

geheißen. Beglückt von seiner Frau und seiner Zeichnung ging Fjodor abends gut

gesättigt von den Ereignissen des Tages zu Bett. In der Nacht träumte er nicht mehr

von Rosen und konnte endlich wieder durchschlafen.

Das Peterle tobte, als er den Entwurf erhielt, da dort eine Rose anstelle eines

Vergissmeinnichts gemalt worden war. Sein Werkmeister Michael Perchin erkannte,

dass die Krise gar keine war, sondern ein Glücksfall für den Goldschmied. Er fertigte

nach Fjodors Zeichnung die Rose an und sie wurde das Lieblings-Osterei von

Alexandra Fjodorowna. Aus falscher Bescheidenheit heraus hatte sie das

Vergissmeinnicht als ihre Lieblingsblume genannt. Doch die stolze herrliche Rose

war ihr von allen Blumen die Liebste. Daher freute sie sich sehr über das gelungene

Geschenk ihres jungen Mannes und sah es als gutes Omen für ihre Ehe an. Das

Peterle erhielt hernach noch 39 weitere Aufträge für Fabergé-Eier und wurde damit

ein reicher Mann, doch das Rosenknospen-Ei und die Arbeit seines Freundes vergaß

er darüber nicht. Fjodor wurde bei Fabergé der Chefentwickler neuer Schmuckstücke

und lebte fortan glücklich und sorglos mit seiner Familie am Fuße der Newa, wo alles

begann.

ENDE

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Postkarte: Tiger
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